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Presseinformation 02/03

12.06.2003

Erste „Ernte“ eingefahren

Die antiretrovirale Therapie von HIV-Infizierten beginnt in Deutschland im Mittel 14 Monate nach Serokonversion. Bei den Betroffenen lassen sich dann statistisch 320 CD4-Zellen und eine Viruslast von 83.000 Kopien messen. „Je älter die Patienten sind, umso geringer ist ihre CD4-Zellzahl zum Zeitpunkt der Serokonversion. Auf die Viruslast hat das Alter jedoch keinen Einfluss“, kommentiert Privatdozentin Dr. Gabriele Poggensee aktuelle Daten der „Serokon-verterstudie“ des Robert-Koch-Instituts (RKI, Berlin), die mit Unterstützung des Kompetenz-netzes HIV/AIDS erhoben werden. Die Untersuchung hat zum Ziel, unterschiedliche Faktoren zu identifizieren und zu bewerten, die den Krankheitsverlauf der HIV-Infektion beeinflussen. Hierfür werden in  klinischen und ambulanten Zentren sowie in Schwerpunktpraxen prospektiv Blutproben untersucht sowie klinische und demographische Daten von HIV-infizierten Patienten erfasst, die zu einem bekannten oder eingrenzbaren Zeitpunkt mit dem AIDS-Erreger infiziert wurden. Auf diese Weise erhofft man, ein für Deutschland repräsentatives Bild über neue HIV-Infektionen und der Übertragung resistenter Erreger zu erhalten.

Die Daten der „Serokonverterstudie“ fließen in die überregionale Patientenkohorte des Kompe-tenznetzwerkes HIV/AIDS ein und liefern somit auch einen deutschen Beitrag für die europäischen Forschungsprogramme CASCADE ("Concerted Action on Seroconversion to AIDS and Death in Europe) und SPREAD ("European HIV-Surveillance on Primary Resistance to Antiretroviral Drugs"). Inzwischen liegen dem RKI die Befunde von 753 HIV-infizierten Patienten vor; die Betrof-fenen sind zu 90 Prozent männlichen Geschlechts, zu 88 Prozent deutscher Herkunft und erhalten zu 63 Prozent eine antiretrovirale Therapie. Die Serokonverterstudie geht auch der Frage nach, ob bei therapienaiven Patienten (n = 203) bereits resistente Viren vorliegen. „Der Trend geht von der bimodalen zur multimodalen Resistenz gegen die antiretroviralen Wirkstoffe“, betont Poggensee.

Wie die HIV-Therapie auf das Darmgewebe wirkt

Der Gastrointestinaltrakt ist unter verschiedenen Gesichtspunkten eine zentrale Bühne für die HIV-Infektion: Zum einen bildet die Darmmukosa die Haupteintrittspforte für den Erreger, zum anderen ist das intestinale Immunsystem das größte immunologische Kompartiment des Organismus, an dem sich allein elf der AIDS-definierenden Erkrankungen manifestieren. So gelten Magen-Darm-Infektionen mit Candida albicans, Herpes-simplex- und Zytomegalie-Viren sowie das Kaposi-Sarkom und die Kryptorespektive Mikrosporidiose als Indikatorerkrankungen. Bereits in frühen Stadien der HIV-Infektion beobachtet man in der Darmmukosa nicht nur einen massiven Verlust von CD4-Zellen, sondern auch eine hochaktive Replikation des Virus. „In intestinalen Biopsien misst man eine um den Faktor 200 bis 1000 höhere p24-Konzentration, was auf eine erhebliche Virusproduktion hin-weist“, so Professor Dr. Martin Zeitz (Universitätsklinikum Benjamin Franklin, FU Berlin).
Diese Veränderungen im Gastrointestinaltrakt treten lange vor entsprechenden Veränderungen in den  Lymphknoten und im Blut auf. „Eine dramatische Umkehr dieses Prozesses lässt sich durch die antiretrovirale Therapie (HAART) einleiten. Verglichen mit dem peripheren Blut steigen die CD4-Zellen in der Mukosa um den Faktor zehn und erreichen innerhalb von etwa drei Monaten sogar Normalwerte“, sagt Zeitz. Die Immunrekonstitution betreffe auch die spezifische sekretori-sche IgA-Antwort der Mukosa, wodurch der Darm wieder mehr gefeit sei gegen opportunistischen Infektionen.  

HCV und HIV: Was eine Koinfektion bedeutet

Die Prognose der HIV-Infizierten hat sich nach der Etablierung der antiretroviralen Kombinations-therapie entscheidend verbessert. „Damit erlangen Begleiterkrankungen für diese Patienten eine neue Bedeutung“, sagt Privatdozent Dr. Jürgen Rockstroh (Medizinische Klinik Universität Bonn). So werde der klinische Verlauf einer Hepatitis C bei HIV/HCV-Doppelinfektion durch die HIV-assoziierte Immunsuppression bestimmt. Das heißt: Mit fortschreitender Immunsuppression – ins-besondere bei Patienten mit weniger als 100 CD4-Zellen – wird der Verlauf der Hepatitis C be-schleunigt.  Man beobachtet häufiger cholestatische Verläufe mit raschem Übergang zur Leberzir-rhose und deren Komplikationen.

„Zahlreiche doppelinfizierte Patienten versterben daher an den Folgen eines Leberversagens noch bevor AIDS-definierende opportunistische Infektionen oder Neoplasien aufgetreten sind“, erklärt Rockstroh. Nach Untersuchungen an der Universität Bonn, wo die Verlaufsdaten von 285 koinfi-zierten Patienten – in der Mehrzahl Bluterkranke – verfolgt werden, lässt sich die Entwicklung ei-nes Leberversagens durch die Verbesserung der Immunfunktion unter HAART hinauszögern. „Das gilt insbesondere für Patienten, die Proteasehemmer erhalten“, so Rockstroh. „Dann nehmen die CD4-Zellen im Blut zu und die HI-Viruslast ab. Obwohl die HC-Viruslast ansteigt, nimmt die Über-lebenszeit der koinfizierten Patienten zu.“ 

Telematik-Infrastuktur des Kompetenznetzes HIV/AIDS

Ein Meilenstein auf dem Weg zur Telematik-Plattform für das Kompetenznetz HIV/AIDS ist mit der Entscheidung für die erforderlichen IT-Strukturen erreicht worden. Bei ihrer Auswahl hat das Stee-ring Committee des Netzes besonderen Wert darauf gelegt, Lösungen zu präferieren, die bereits mit Erfolg an großen Institutionen eingesetzt werden und im Einklang mit EU-Standards sind. Die Wahl fiel auf die Studiensoftware Macro, die bereits in fünf Koordinierungszentren für Klinische Studien (Köln, Heidelberg, Mainz, Marburg, Freiburg) im Einsatz ist. Darüber hinaus wird das Netz für seinen Betrieb die Dienstleitungen des KKS Köln (Operations, Maintenance, Training) in An-spruch nehmen.

Für den Bereich Content Management Systems (CMS) wurde die Software RedDot ausgewählt, die bereits mit Erfolg angewendet wird bei den Kompetenznetzen Depression, Demenz, Leukämie, Hepatitis und Angeborene Herzfehler sowie beim BMBF, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und der Deutschen Aids-Gesellschaft. „Da für das Kompetenznetz HIV/AIDS keine neuen IT-Lösungen entwickelt werden mussten, werden die beteiligten Wissenschaftler demnächst nicht nur über eine leistungsfähige, sondern auch über eine kostengünstige  IT-Struktur verfügen – Gelder die den Forschungsprojekten ansonsten verloren gegangen wären“, sagte Dr. Georg Reimann, Wissenschaftlicher Koordinator des Kompetenznetz HIV/AIDS.

Beim  „Kompnet HIV/AIDS“ handelt es sich um das dreizehnte von inzwischen 17 Kompetenznetzen, die vom  Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zur Erforschung von Krankheitsbildern gefördert werden, die durch eine hohe Morbidität oder Mortalität gekennzeichnet sind bzw. einen erheblichen Kostenfaktor darstellen. Das durchschnittliche Fördervolumen liegt pro Netzwerk bei jährlich 2,5 Millionen Euro für die ersten drei Jahre; eine Anschlussfinanzierung für zwei weitere Jahre ist möglich.

Die Forschungsergebnisse wurden auf einem Workshop des Kompetenznetz HIV/AIDS anlässlich des 9. Deutschen AIDS-Kongresses in Hamburg vorgestellt.

Kontakt:
Prof. Dr. med. Norbert Brockmeyer
Klinik für Dermatologie und Allergologie
Ruhr-Universität Bochum
Gudrunstraße 56
44791 Bochum
E-Mail: n.brockmeyer@derma.de

PD Dr. Gabriele Poggensee
Robert Koch-Institut
Infektionsepidemiologie
Seestraße 10
13353 Berlin
Tel.: ++49 - (0) 1888 - 754 - 3711
Fax:  ++49 - (0) 1888 - 754 - 3533
E-mail: PoggenseeG@rki.de

Univ.-Prof. Dr. Martin Zeitz
Direktor der Medizinischen Klinik I
Universitätsklinikum Benjamin Franklin, FU Berlin
Hindenburgdamm 30
12200 Berlin
Tel.: ++49-30-8445-2347
Fax:  ++49-30-8445-4481
zeitz@medizin.fu-berlin.de

PD Dr. Jürgen Rockstroh
Medizinische Klinik und Poliklinik I
Universitätsklinikum Bonn
Sigmund-Freud-Str. 25
53105 Bonn
Tel.: ++49-228-2876558
Fax:  ++49-228-2874323
rockstroh@uni-bonn.de

Dr. Georg Reimann
Wissenschaftlicher Koordinator
Kompetenznetz HIV/AIDS
Klinik für Dermatologie und Allergologie
Ruhr-Universität Bochum
Gudrunstraße 56
D-44791 Bochum
Tel.: ++49 234 5093486
Fax:  ++49 234 5093477
g.reimann@derma.de


Weitere Informationen im Internet unter:
www.kompetenznetz-hiv.de

Als PDF-Datei zur Ansicht und als Download:

Erste „Ernte“ eingefahren


Seite erstellt am 06.10.2003
Letzte Aktualisierung am 01.11.2016

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