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"Lassen Sie sich nie sagen, da könnte man nichts machen"

16.11.2011

Rita Süßmuth war in den 1980er Jahren für die politische Weichenstellung der HIV-Prävention in Deutschland verantwortlich. Gegen die Bestrebungen, AIDS mit Zwangsmaßnahmen zu bekämpfen, setzte sie auf individuelle Verantwortung und Selbstbestimmung. Dieser Ansatz hat sich bewährt. Doch vor welchen neuen Herausforderungen steht unsere Gesellschaft heute? Und welchen Beitrag kann die Kirche zur HIV-Prävention beitragen?

Tagung: AIDS-Prävention zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung
15.11.2011, Katholische Akademie „Die Wolfsburg“

„Es ist uns immer wieder gelungen, schneller zu sein als die Ausgrenzer“ skizziert Prof. Rita Süßmuth ihren politischen Kampf für die Akzeptanz eines HIV-Präventionsansatzes, der ein offenes Umgehen mit HIV/AIDS forderte. In der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ diskutierte sie auf der öffentlichen Tagung „AIDS-Prävention – im Spannungsfeld zwischen individueller und gesellschaftlicher Verantwortung“ mit HIV-Experten, Kirchenvertretern und einem interessierten Fachpublikum über die Gefahr einer Vernachlässigung des auch heute noch relevanten Themas HIV/AIDS.

In den 1980er Jahren setzte sich Süßmuth, damals als Bundesgesundheitsministerin, gegen die Linie ihres Parteikollegen Gauweiler durch, der damals für eine Isolierung aller HIV-Infizierten plädierte, um so die Gesellschaft vor einer Ausbreitung des Virus zu schützen.

„AIDS-Prävention hat nachgewiesen, dass Menschen fähig sind zu lernen“

Auf der Tagung, die durch das Bistum Essen (Weihbischof Franz Vorrath) in Kooperation mit der Dermatologischen Klinik des St. Josef-Hospitals Bochum (Prof. Norbert Brockmeyer) organisiert wurde, wurde sowohl die kirchliche als auch ärztliche Verantwortung thematisiert. Norbert Brockmeyer, HIV-Experte der Ruhr-Universität Bochum, erklärte, dass fehlende Kommunikation zwischen Arzt und Patient über das Thema Sexualität vorrangig verbessert werden müsse. Ziel sei es, der Tabuisierung von sexuell übertragbaren Erkrankungen entgegenzuwirken und Offenheit im Umgang mit HIV/STI zu schaffen. „Eine Risikogruppe fällt zudem völlig aus unserem Bewusstsein: Ältere Menschen, die durchaus sexuell aktiv sind aber selten Verhütungsmittel nutzen“, so Brockmeyer. Hier schloss auch Harriet Langanke von der gemeinnützigen Stiftung Sexualität und Gesundheit an. Sie plädierte für den ständigen Einsatz gegen Diskriminierung von HIV-Infizierten. „In der Deutschen STI-Gesellschaft haben wir Standards der Prävention entwickelt, die einen offenen Umgang mit Krankheit fordern und für ein eigenverantwortliches Handeln mit der HIV-Infektion stehen. Unsere Aufgabe ist es, jeden Tag Sorge dafür zu tragen, dass diese auch umgesetzt werden.“

„Eine kirchliche Haltung ist es, Erkrankte nicht auszuschließen“

Akzeptanz von Krankheit sei ein weiterer Punkt, an dem unsere Gesellschaft heute arbeiten müsse. „Krankheit gehört zum Leben“, so Langanke. Auch Moraltheologin Dr. Ulrike Kostka führte in diesem Zusammenhang die HIV-Arbeit der weltweit agierenden Caritas an. Im Konflikt zwischen individuellen Lebensentwürfen und christlichen Werten steht die Kirche vor der Herausforderung die Lebenswirklichkeit von Menschen ernst zu nehmen und ihre Werte im Hinblick auf Sexualität in einer Sprache, die Menschen heute erreicht, zu vermitteln. Weihbischof Vorrath hatte bereits in seiner Begrüßung darauf hingewiesen, dass die aus kirchlicher Sicht notwendige Betonung der Verantwortung des Einzelnen für die Gestaltung von Beziehungen und Sexualität nicht dazu führen dürfe, diejenigen gesellschaftlich auszugrenzen, die den moralischen Normen nicht genügen. Die Antwort der christlichen Ethik auf dieses mögliche Dilemma sei in der Befähigung zur Selbstsorge und zur Übernahme von Verantwortung zu sehen, betonte daraufhin Dr. Kostka. Eine Feststellung, die auf einer Linie liegt mit dem in den Präventionsansätzen vertretenen Ziel des Empowerment.

Prof. Elisabeth Pott, Leiterin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), griff den Aspekt der Sexualerziehung und öffentlichkeitswirksamen Prävention auf. Wichtig sei es, sehr früh aufzuklären. Präventionsarbeit müsse in Kindertagesstätten und Schulen beginnen. 2012 stehe die BZgA vor der Herausforderung, ihre Kampagnen nicht nur auf die HIV-Prävention auszurichten, sondern auch andere sexuell übertragbare Erkrankungen mit einzubeziehen – und das mit einem deutlich gekürzten Budget. „Dabei zeigen unsere wissenschaftlichen Evaluationen sehr deutlich, dass unsere Kampagnen einen direkten Einfluss auf das Präventionsverhalten haben“, so Elisabeth Pott. „Die staatlichen Kürzungen in der HIV-Präventionsarbeit erschweren nun die erfolgreiche Kampagnenarbeit der BZgA.“

HIV-Prävention im Wandel der Zeit

Rita Süßmuth resümierte: „Stellte man 1988 noch Fragen wie: Wann testen? Jede Woche? Oder besser jeden Tag?, so hat sich heute nicht nur das Wissen um HIV/AIDS deutlich verbessert, sondern auch die therapeutischen Möglichkeiten.“ Deutschland hat durch seine HIV-Präventionsstrategie auch im internationalen Vergleich bemerkenswerte Erfolge zu verzeichnen. Dr. Michael Bochow der Berliner Forschungsgruppe „Public Health“ gab zu bedenken, dass auch die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Herausforderung darstellt. Das „EKAF-Statement“, welches besagt, dass unter ganz bestimmten Voraussetzungen eine HIV-Infektion nicht übertragen wird, sei immer noch nicht uneingeschränkt akzeptiert. Die medizinische Diskussion gehe sogar soweit, dass heute bereits die Frage gestellt werde, ob eine HIV-Therapie rein präventiv eingesetzt werden dürfe. Sowohl Brockmeyer als auch Bochow lehnen diesen „Präventionsansatz“ jedoch ab und plädieren für die bewährte Methode: „Safer Sex“ mit Kondom im Kontext mit einer Therapie und eine offene Auseinandersetzung in der Präventionsdebatte.

Internetlinks:

http://josef-hospital.klinikum-bochum.de/
http://www.dstig.de/
http://www.kompetenznetz-hiv.de/

www.bistum-essen.de
http://www.die/-wolfsburg.de
www.aidsberatung.caritas-e.de/

Kontakt:

Prof. Dr. N.H. Brockmeyer
Sprecher Kompetenznetz HIV/AIDS
Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG)
Direktor Forschung und Lehre
Leiter Hauttumorzentrum Ruhr-Universität
Leiter Zentrum für Sexuelle Gesundheit

Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Ruhr-Universität
Gudrunstr. 56
44791 Bochum
Tel.: 0234-509 3471, 74
n.brockmeyer@klinikum-bochum.de



Seite erstellt am 30.11.2011
Letzte Aktualisierung am 01.11.2016

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