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Regionale Ausbreitung der HIV-Epidemie ist dramatisch

01.12.2009

Weltweit sinkende Neuinfektionszahlen bedeuten keine Entwarnung, da auch Hyperinfektionsregionen entstanden sind, in denen die Inzidenz quasi nicht mehr steigerbar ist.
Prof. Brockmeyer: Forschung in Deutschland braucht Förderer.

Die kürzlich von UNAIDS veröffentlichten Zahlen der Neuinfektionen mit HIV könnten Hoffnung wecken: So infizierten sich im Jahr 2008 ca. 2 Mio. Menschen, während es 1996 noch ca. 3,5 Mio. waren – das entspricht einem weltweiten Rückgang der HIV-Neuinfektionen um bis zu 30%. „Diese Daten dürfen aber nicht über die anhaltende epidemiologische Gefahr von HIV/AIDS hinwegtäuschen“, unterstreicht der Bochumer Forscher Prof. Dr. Norbert H Brockmeyer, Sprecher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetzes HIV/AIDS anlässlich des Weltaidstages am 1. Dezember. „Denn Fakt ist auch, dass die Zahl der Menschen, die mit HIV/AIDS leben, stetig ansteigt.“ Auch gebe es Regionen, in denen die Infektionszahlen weiter steigen und zu einer menschlichen Tragödie und zum wirtschaftlichen Kollaps führen könnten.

Osteuropa und Zentralasien: Anstieg um 66%

Der Spezialist lenkt das Augenmerk vor allem auf die regionalen Unterschiede in der Verbreitung des Virus. So stieg die Anzahl der Infizierten zwischen 2001 und 2008 in Osteuropa und Zentralasien beispielsweise um 66%. In der Ukraine erhält nur etwa jeder fünfte Patient eine adäquate Therapie. Experten schätzen, dass in der Ukraine zwischen 30 und 50% der Drogenabhängigen HIV-positiv sind. Auch die Übertragungswege von HIV verändern sich hier: Erstmalig im letzten Jahr wurden die meisten Infektionen durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr übertragen. „Von einer Entwarnung darf aufgrund dieser alarmierenden Zahlen daher nicht die Rede sein“, so Prof. Brockmeyer.

Regionale Unterschiede auch in Deutschland

„Wenn wir die regionalen HIV-Epidemien, wie etwa in der Ukraine, nicht in den Griff bekommen, bedeutet das für diese Regionen nicht nur eine menschliche Tragödie sondern gleichzeitig den gesundheitspolitischen und auch wirtschaftlichen Kollaps“, so Prof. Brockmeyer. Auch in Deutschland sind die regionalen Unterschiede signifikant: Grundsätzlich ist eine erhöhte HIV-Prävalenz in Großstädten und Ballungsräumen festzustellen. Verglichen mit den anderen Bundesländern hat das bevölkerungsreichste Land NRW prozentual die meisten HIV-Erstdiagnosen zu verzeichnen. Nach Höhe der Anzahl der gemeldeten HIV-Erstdiagnosen pro 100.000 Einwohner in Städten steht Köln (mit einer HIV-Inzidenz von 18,09) an erster Stelle, es folgen Düsseldorf (12,64), Berlin (12,04), Frankfurt (11,95), München (11,66) und Hamburg (11,40).

8.000 Patientendatensätze dienen der Forschung

„Wir müssen regionale Strategien entwickeln, die deutsche Expertise der HIV-Forschung verstärkt anbieten und gleichzeitig vorantreiben“, folgert Brockmeyer. Schließlich kommen die Fortschritte in der deutschen HIV-Forschung Betroffenen weltweit zugute. Im Kompetenznetz HIV/AIDS können dank der hier gesammelten Daten und Materialproben von über 8.000 Patienten wichtige klinische- und grundlagenwissenschaftliche Studien durchgeführt werden. Fragen etwa zur Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten, auch bei HIV-infizierten und –exponierten Kindern, zu HIV-Begleiterkrankungen oder über das zunehmend wichtige Thema „HIV im Alter“ können durch gezielte Auswertungen der Patientenkohorte beantwortet werden.

Kompetenznetz braucht Unterstützung auch nach 2011

Möglich wird Forschung allerdings erst durch engagierte Förderer, wie etwa die Sparkasse Bochum, die jüngst durch eine großzügige Spende die Forschungsarbeit des Kompetenznetzes unterstützt. Auch im Hinblick auf die 2011 auslaufende Förderung des Netzes durch das BMBF sind Spenden wichtig. Dabei kommen die Gelder nicht nur der vernetzten HIV-Forschung in Deutschland zugute – von den Fortschritten, beispielsweise in der Medikamentenforschung, profitieren langfristig insbesondere die am stärksten von HIV/AIDS betroffenen Regionen. Das mögliche Ende des Kompetenznetzes HIV/AIDS im Jahr 2011, und die damit verschenkten wissenschaftlichen Ressourcen, wäre daher auch international gesehen eine falsche Entwicklung.

Literatur und Links

• UNAIDS: AIDS Epidemic Update: November 2009, S. 7-8: http://data.unaids.org/pub/Report/2009/2009_epidemic_update_en.pdf (25.11.09)
• UNAIDS: AIDS Epidemic Update: November 2009, S. 48.
• Kruglov et al.: The most severe HIV epidemic in Europe: Ukraine’s national HIV prevalence estimates for 2007. Sexually Transmitted Infections,: http://sti.bmj.com/content/84/Suppl_1/i37.full (25.11.09).
• Robert Koch-Institut: Epidemiologisches Bulletin, Sonderausgabe A / 2008, S. 10: http://www.rki.de/cln_100/nn_196014/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2008/Sonderausgaben/A__08,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/A_08.pdf (26.11.09).
• Informationen über die laufenden Studien im Komeptenznetz HIV/AIDS: http://www.kompetenznetz-hiv.de

Weitere Informationen

Prof. Dr. Norbert H. Brockmeyer, Sprecher Kompetenznetz HIV/AIDS, Direktor Forschung und Lehre, Klinik für Dermatologie und Allergologie der Ruhr-Universität, Gudrunstr. 56, 44791 Bochum, Tel.: 0234-509 3471, 74, Fax: 0234-509 3472, 75
n.brockmeyer@derma.de


Seite erstellt am 01.12.2009
Letzte Aktualisierung am 01.11.2016

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