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Im Nachgang zum SÖDAK2009: Gezielte Prävention und mehr Forschung für Frauen mit HIV-Infektion

23.07.2009

Der Verlauf und die Therapie der Infektionskrankheit weisen geschlechtsspezifische Unterschiede auf, deren Ursachen im Frauenmodul der Patientenkohorte des Kompetenznetzes HIV/AIDS analysiert werden. Die frauenspezifische Forschung im Bereich HIV muss gestärkt werden. Diese Forderung erhob Dr. med. Annette Haberl (Uniklinikum Frankfurt/Main) als Vizepräsidentin des 1. Deutsch-Österreichisch-Schweizerischen AIDS Kongress (SÖDAK) in St. Gallen.

Die Mehrzahl der bisherigen Untersuchungsdaten stamme aus klinischen Studien mit männlichen HIV-Patienten. „Eine Eins-zu-Eins-Übertragung der gewonnenen Erkenntnisse auf Frauen ist nicht ohne weiteres möglich, da sich der Verlauf der HIV-Infektion bei beiden Geschlechtern unterscheidet“, sagte Haberl und forderte, den Anteil von Frauen an klinischen HIV-Studien deutlich zu erhöhen. Zudem sollten geschlechtsspezifische Subanalysen bereits abgeschlossener Studien gemacht werden. Als Sprecherin des „Frauenmoduls“ des Kompetenznetzes HIV/AIDS betonte Haberl, dass etwa die Hälfte der weltweit 33 Millionen HIV-Infizierten weiblich ist. In Deutschland sind etwa 10 000 Frauen HIV-infiziert, die mehrheitlich zwischen 16 und 40 Jahre alt sind.

Frauenspezifische Dosierungsempfehlungen müssen erarbeitet werden
Es gilt inzwischen als gesichert, dass Frauen in der Regel mehr T-Helferzellen, aber weniger HI-Viren im Blut (geringere Viruslast) aufweisen als Männer. Auch das Nebenwirkungsprofil der antiretroviralen Medikamente unterscheidet sich. Die Gründe der ungleichen Arzneimittelverträglichkeit liegen in der unterschiedlichen Physiologie der Geschlechter im Hinblick auf genetische Faktoren, Fettanteil, Kör-pergewicht und Funktion der Leberenzyme. Auch die monatlichen Hormonschwankungen des weibli-chen Organismus verändern die Wirkung von Medikamenten. „Für eine wirksame und verträgliche Therapie müssen wir daher frauenspezifische Leitlinien und Dosierungsempfehlungen entwickeln. Hierfür sind die kontinuierlichen Auswertungen der HIV-Patientenkohorte des Kompetenznetzes HIV/AIDS eine unentbehrliche Grundlage“, sagte Haberl in St. Gallen. Im Frauen- und Kindermodul der Patientenkohorte werden zudem die Befunde nicht-infizierter Kinder von HIV-infizierten Müttern analysiert. Glücklicherweise kann die Infektion des Kindes durch eine medikamentöse Prophylaxe der Schwangeren weitgehend vermieden werden kann. Allerdings kommt es häufiger zu Frühgeburten. Ob dies eine Folge der antiretroviralen Therapie ist, bedarf weiterer Klärung, wie Dr. med. Andrea Gin-gelmaier (Ludwig-Maximilians-Universität München) erklärte.

Forschungspreis für lokal wirksame Prävention
Angesichts zunehmender Infektionsraten unter Frauen und Mädchen in Entwicklungsländern besteht ein hoher Bedarf nach einer Methode, mit der sich Frauen selbstbestimmend und unabhängig von ihrem Partner vor HIV schützen können. International wird daher an der Entwicklung von Mikrobiziden gear-beitet, die als antiretroviral wirkende Creme oder Vaginalring  die Virusübertragung lokal verhindern sollen. Dr. med. Ilona Hauber und ein Team vom Heinrich-Pette-Institut (Hamburg) haben in Laborver-suchen herausgefunden, dass ein Inhaltsstoff des grünen Tees (Catechin EGCG) in der Lage ist, die Infektiosität des HI-Virus zu reduzieren. Diese Untersuchung ist beim SÖDAK mit einem Forschungs-preis ausgezeichnet worden, da der Hemmstoff in konzentrierter Form als Vaginalcreme eine kosten-günstige Prophylaxe für Frauen in Entwicklungsländern darstellen könnte.

Die Rolle der STDs für die HIV-Infektion muss stärker thematisiert werden
Die Präventionsangebote für MSM (Männer, die Sex mit Männern haben), die Personengruppe, welche in Deutschland seit Jahren die stärkste Zunahme an HIV-Infizierten verzeichnet, müssen mehr auf psy-chosoziale Aspekte, Ursachen von HIV-Risikoverhalten und HIV/AIDS im gesellschaftlichen Kontext abgestimmt werden. Dieses Resume zieht Sozialpsychologe Dr. Phil C. Langer (Ludwig-Maximilians-Universität in München) auf Basis der Studie „Positives Begehren“, die im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und des Kompetenznetzes HIV/AIDS durchgeführt worden ist.

Wie Langer auf dem SÖDAK berichtete, ist ein HIV-infizierter MSM um so eher zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr bereit, je stärker er davon überzeugt ist, dass er auf Basis einer effektiven Therapie mit nicht-nachweisbarer Viruslast keine Infektionsgefahr für seinen Sexualpartner darstellt. Dieses Wis-sen legitimiert ihn auch darin, ungeschützten Sex mit anonymen Partnern und unbekannten Infektions-status (Serostatus) zu haben. Dass ungeschützter Geschlechtsverkehr allerdings die Gefahr der sexuel-len Übertragung anderer Infektionskrankheiten (Gonorrhoe, Syphilis, HPV) erhöht, ist im Bewusstsein der MSM nur marginal verankert. „Die HIV-Prävention muss auf die Multiplizierung potentieller Risi-kosituationen abgestimmt werden, indem die Bedeutung der STDs für die Übertragung von HIV stärker thematisiert wird“, so Langer in St. Gallen.

Da Kondome als Präventionsmittel nicht beliebt sind, suchen MSM nach Alternativen, das Risiko für eine HIV-Infektion zu verringern. Eine häufig praktizierte Methode ist das „Serosorting“. Das heißt: Als HIV-Infizierter sucht man gezielt (ungeschützten) Sex mit anderen Infizierten, als HIV-Negativer entsprechend mit nichtinfizierten Männer. Wie Dr. med. Ulrich Marcus auf Basis einer Untersuchung des Robert Koch-Institutes (RKI) in Berlin betonte, ist das Serosorting unter HIV-infizierten MSM mit einer höheren Partnerzahl und einem zwei- bis vierfach höheren Risiko für bakterielle STDs verbunden. Als Erklärung für die steigende Zahl neuer HIV-Infektionen unter MSM in Deutschland sieht  Axel J. Schmidt (RKI) nach Analyse großer Beobachtungsstudien die Zunahme von HIV-Tests, und nicht nach-lassenden Kondomgebrauch noch vermehrten Partnerwechsel.


Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer
Sprecher des Kompetenznetz HIV/AIDS
Direktor Forschung und Lehre der Klinik für Dermatologie und Allergologie
der Ruhr-Universität Bochum
Gudrunstraße 56,
44791 Bochum,
Phone: +49 (0) 234 509 -3471, -3474
Fax: +49 (0) 234 509 -3472, -3475
E-Mail: n.brockmeyer@derma.de

 

Als PDF-Datei zur Ansicht und als Download:

PM-KompNet_Im Nachgang zum SÖDAK (PDF, 30 KB)


Seite erstellt am 23.07.2009
Letzte Aktualisierung am 01.11.2016

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