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10. Deutscher und 16. Österreichischer AIDS-Kongress in Wien

03.06.2005

HIV-Therapie heute: Statt akuter Abwehr des Todes nunmehr Erhaltung der Gesundheit

Mit der Lebensverlängerung treten allerdings bisher untypische Begleiter-krankungen in den Vordergrund / Deutsche Vakzineforscher sind gut aufgestellt

Die HIV-Infizierten in den Industrieländern sind dank moderner Therapiemöglichkeiten wie der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) mittlerweile „in die Jahre“ gekommen. Patienten im Alter von 50 bis 70 Jahren sind in  Schwerpunktpraxen und Kliniken heute keine Seltenheit mehr. „Hat man am Anfang der HIV-Epidemie gegen den vorzeitigen Tod gekämpft, so kämpft man heute um ein langes und weitgehend gesundes Leben der Betroffenen“, sagte Prof. Dr. med Norbert Brockmeyer als Vizepräsident des Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongresses, der vom 1. bis 4. Juni in Wien tagt. Dieser Gewinn an Lebenszeit stelle Betroffene und HIV-Mediziner gleichermaßen vor neue Herauforderun-gen, so Brockmeyer. Denn altersbedingte  Erkrankungen – wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Karzinome - treten bei HIV-Infizierten inzwischen ebenso auf wie bisher unbekannte Nebenwirkungen der jahrelangen antiretroviralen Therapie.

So habe die kürzlich veröffentlichte DAD-Studie gezeigt, dass Patienten, die langfristig antiretroviral behandelt werden, mit einer erhöhten Herzinfarktrate zu rechnen haben – wobei das Risiko mit der Therapiedauer zunimmt. „Das gesteigerte kardiovaskuläre Risiko ist sicherlich nicht nur auf die metabolischen Nebenwirkungen der Arzneimittel zurückzu-führen, sondern auch auf das zunehmende Alter der Patienten, die Auseinandersetzung des Körpers mit dem Virus als chronische Infektion und auf den – eventuell - längeren Ni-kotinkonsum“, sagt  Prof. Dr. Jürgen Rockstroh (Universitätsklinik Bonn), der für sein wis-senschaftliches Engagement im Bereich HIV auf dem Wiener Kongress mit dem Aids-Forschungspreis der Fachgesellschaft ausgezeichnet wurde. 

Für die HIV-Behandler bedeutet das veränderte Gesicht der HIV-Infektion, dass sie neben  dem virologischen Geschehen mit Kontrolle der Viruslast und CD4-Zellen auch die Dia-gnostik und Therapie von Begleiterkrankungen im Blick haben müssen.  Nach Ansicht von Brockmeyer müssen aber auch Allgemeinmediziner, Internisten, Kardiologen und  Dermatologen zunehmend damit rechnen, dass HIV-Infizierte nicht primär wegen ihrer Viruser-krankung ärztlichen Rat suchen, sondern dass vermeintlich HIV-untypische Begleiterkrankungen Grund für eine Konsultation sind. „HIV-Infizierte werden in Zukunft  nicht ausschließlich Behandler und Einrichtungen aufsuchen, die auf die Immunschwächeerkrankung spezialisiert sind“, glaubt Brockmeyer.
Daher sollte jeder Arzt bei bestimmten Symptomen oder Krankheitsbildern ursächlich eine HIV-Infektion in das differentialdiagnostische Kalkül ziehen.

Hoffnung für HIV-Patienten, die ihr antiretrovirales Therapieregime nicht vertragen oder deren HIV-Typen über die Zeit gegenüber einem oder mehreren Arzneimittel resistent ge-worden sind, bieten zwei neue Substanzklassen, die auf dem Wiener Kongress vorgestellt wurden: neben den Integraseinhibitoren -sie hemmen den Einbau des Virusgenoms in die Chromosomen der Wirtszelle - ruhen die Hoffungen auf den CCR5-Antagonisten, die das Eindringen des Virus in die Wirtszelle und damit auch dessen Vermehrung verhindern können.

Zwar keinen Durchbruch, aber wertvolle Fortschritte haben deutsche Wissenschaftler in den letzten Monaten in der Vakzine-Forschung erreicht. Nach Angaben von PD. Dr. Jan van Lunzen, der eine Studie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) leitet, arbeiten in Deutschland derzeit vier Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Konzepten an der Entwicklung von präventiven und therapeutischen HIV-Impfstoffen. „Wir haben damit beste Voraussetzungen und sind im internationalen Vergleich wissenschaftlich gut aufge-stellt – wenn es denn politisch gewollt ist, diese erfolgreiche Grundlagenforschung auch weiterhin finanziell abzusichern“, so van Lunzen.  „Ausländische Firmen stehen bereits in den Startlöchern und warten nur darauf, dass uns finanziell die Luft ausgeht.“ Als vorteilhaft für einen beschleunigten  wissenschaftlichen Austausch wertet van Lunzen die Zusammenarbeit in Netzwerken, so wie sie im Jahr 2002 mit dem Kompetenznetz HIV/AIDS geschaffen worden sind. Dieser überregionale Forscherverbund kann inzwischen auf die Daten einer nationalen Kohorte mit 6.000 Patienten zurückgreifen.

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Pressemitteilung


Seite erstellt am 06.06.2005
Letzte Aktualisierung am 01.11.2016

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